KALKUTTA SCHWARZWEISS

Sprechen Bengalinnen und Bengalen von Kalkutta, tun sie’s mit leuchtenden Augen; für sie ist die Stadt unangefochtene Kulturhauptstadt Indiens. Im Westen allerdings hatte Kalkutta den Ruf eines schwarzen Lochs, einer Kloake; für Autoren des 20. Jahrhunderts war die Metropole – so der amerikanische Historiker Jeffrey N. Dupée – eine «exemplarische urbane Horrorstory».

Zwischen Fremdklischee und Selbstwahrnehmung klafft eine Lücke, welche der Fotograf Samuel Schütz und der Klangdokumentarist Thomas Kaiser bei zahlreichen und ausgedehnten Aufenthalten in Kalkutta ausloteten. Langsam, Schritt für Schritt, fotografierte Schütz mit einer Lochkamera Strassenzüge, Verkehrsknoten und Werkstätten; Kaiser befragte Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt nach ihren nächtlichen Träumen und nach ihren Lebensgeschichten. Darüber hinaus nahm er die Klänge der Stadt auf: Strassenmusiker, fliegende Händler, religiöse Feiern, Strassenverkehr und das Krakeelen der allgegenwärtigen Krähen.

Licht und Dunkel der Bildprojektionen im Ausstellungsraum, Stimmen, Klänge und Momente der Stille ersetzen die Schwarzweiss-Klischees von der Stadt durch Schattierungen und Zwischentöne.

 

Diese Krähe sprach eine andere Sprache. Aufgenommen im Oktober 2003.
Kali-Lied des Baul-Sängers Vishnupada Das aus Dhakuria im North 24 Parganas-Distrikt Westbengalens. Aufnahme vom 20. August 2006.

Oh Shyama, Kali, tanz zu mir her; / Mutter, ich will dir folgen! / Goldene Glöckchen um deine roten Füsse – / ich höre ihr Klingeln. / Ich rufe dich, Mutter, oh Mutter, und begebe mich in deinen Schoss, / um dort Frieden zu finden.

Oh Shyama, Kali, tanz zu mir her; / Mutter, ich will dir folgen!

Bist du wahrhaft gefährlich, / oh Shyama Ma, oh Mutter, / und lässt uns die Dunkelheit fürchten? / „Kali, Kali, Kali” rezitierend / will ich meine Tage verbringen. / Oh Shyama, Kali, tanz zu mir her; / Mutter, ich will dir folgen!

 

Naishas Traum von einem vereisten Geliebten. Aufnahme von März 2003.

Nachdem ich hierhergekommen war, gab es einen Mann, einen Soldaten, der mich sehr mochte. Er besuchte mich regelmässig. Er ging nach Darjeeling. Sechs Monate lang konnte er mich nicht mehr besuchen. Ich sah Fels. Dort oben – nur Felsen. Er war dort stationiert, zwischen den Felsen. Und ich sah Eis – kaltes Eis. In dem Eis kann man vieles finden. Die Menschen dort oben sagen, wenn einer stirbt, dann wird er dort hingebracht. Ich sah einen Mann in diesem Eis; er war ganz hart. Er schlief, ganz steif und hart. Eine Frau besuchte mich und sagte: „Erinnerst du dich an den Mann, der dich so liebte? Er bittet dich, zu ihm zu kommen.“ – „Warum sollte ich zu ihm gehen? Er besuchte mich immer nur hier. Ich werde hier mit ihm sprechen. Warum sollte ich ihn zu Hause besuchen?“

Sie sagte: „Nein! Du weisst doch, wie sehr er dich liebt. Er fragt nach dir.“ – „Wann?” – „Er kam vor einer Woche. Er ist unruhig und fragt nach dir. Er möchte dich sehen.“

Sie log, und ich ging mit ihr mit. Als ich dort ankam, fand ich eine Leiche, einen leblosen Körper. Ich dachte: „Vielleicht ist es sein Vater oder seine Mutter.“ Ich musste mich setzen. Ich schaute auf und sah, dass das Gesicht mich betrachtete. Es war das Gesicht des Mannes, der mich liebte. Dann sagte seine Mutter: „Frau – er hat dich so sehr geliebt. Deshalb brachte ich dich hierher. Die Wahrheit konnte ich dir nicht sagen, deshalb brachte ich dich mit einer Lüge her. Wenn er dir irgend etwas schuldig blieb, vergib ihm!“ Ich weinte, und einige Leute hielten mich fest. Ich erklärte, dass ich ihm so weit vergeben wollte, wie seine Liebe reichte. Dann wurde er begraben. Das Begräbnis war vorüber, es wurde dunkel, ich ging weg, ich ging nach Hause. Das ist alles.

 

Strassenhändler an der Chowringhee Road, aufgenommen im Juni 1998.

 

Wir laden Sie herzlich ein, die neu eröffnete Ausstellung Kalkutta schwarzweiss im virtuellen 360°-Format zu besuchen:

Kalkutta 360°