Kindheit in Palimbei

Als eine „republic of their own“ beschrieb der britische Anthropologe Gregory Bateson, der in den 1930er Jahren am Sepik-Fluss in Papua-Neuguinea forschte, die Kindergruppen der Iatmul: als eine eigentliche Kinderrepublik.

Etwa vierzig Jahre später reiste die Ethnologin Florence Weiss zu den Iatmul. Sie hatte sich vorgenommen, den Alltag der Kinder zu erforschen und deren Einbindung in das ökonomische System der Dorfgemeinschaft zu untersuchen. Auch sie stellte eine entschiedene Eigenständigkeit fest, welche die Kinder der Iatmul als eine eigene Gruppe neben der Frauen- und der Männergruppe hervortreten liess. Im ökonomischen System der traditionellen Fischergesellschaft nahmen die Kinder eine tragende Rolle ein: die Frauen verliessen als Ernährerinnen der Familie jeweils frühmorgens das Dorf. Kinder und Kleinkinder blieben im Dorf und organisierten sich währenddessen selbständig. Sie kümmerten sich um ihre Zwischenverpflegung, stellten die dafür benötigten Gerätschaften her und betreuten die Kleinsten in der Gruppe – um nur einige Beispiele zu nennen. Damit gewährleisteten die Kinder ein Stück weit, dass sich die Frauen um die Ernährung der Familien kümmern konnten, und fügten sich so in ein Gesamtsystem gruppenspezifischer Arbeitsteilung ein.

Die Kinder im Dorf Palimbei verbrachten den Grossteil ihrer Tage innerhalb ihrer Gruppen, ohne die Anwesenheit und Aufsicht Erwachsener. Was auf den ersten Blick für Europäer als Vernachlässigung anmuten mag, erweist sich doch als ein Zugeständnis von und Vertrauen in Fähigkeiten, Wissen und Können. Auch Florence Weiss näherte sich den Kindern – im Bewusstsein, sich in eine Gruppe einfügen zu wollen, in die sie von ihrem Alter her eigentlich nicht gehörte – mit Neugier und Achtung. Sie nahm die Kinder als gesellschaftliche Akteure ernst und verstand sie als kompetente Gesprächspartner für ihre Forschung. Die Fotografien von Florence Weiss widerspiegeln nicht nur diese Haltung, sondern sie betonen auch die Eigenständigkeit der Kinder Palimbeis und zeigen, dass Kindheit mehr bedeutet als eine Vorstufe des Erwachsenseins.