Die Gebetstücher der Hazarā – dastmāl-e mohr

Die über 900 afghanischen Gebetstücher der Sammlung Frauenfelder im Völkerkundemuseum der Universität Zürich stammen aus der schiitischen Glaubenstradition der Hazarā. Die kleinformatigen Tücher sind meist quadratisch, aus weissem Baumwollstoff maschinell gewebt und mit farbigen Seiden- oder Kunststofffäden in verschiedenen Techniken handbestickt. Die in Afghanistan gebräuchliche Bezeichnung dastmāl-e mohr deutet auf ihre Funktion in der Glaubenspraxis: sie dienen den Gebetssteinen (mohr) als textile Hüllen (dastmāl) oder als Unterlage während des täglichen Gebets.

Inv.-Nr. VMZ 28077

Inv.-Nr. VMZ 28077 (Fotografie: Kathrin Leuenberger)

Die Gebetstücher der Hazarā faszinieren durch ihre reich und farbenfroh bestickte Oberfläche und durch ihre gleichzeitig einfache und klare Bildsprache. Als kulturelle Leistung der Hazarā-Frauen, in Heimarbeit geschaffen, sind sie Zeugnisse von deren handwerklichem Geschick und deren Kreativität. Von der Komposition her lassen sich die dastmāl-e mohr in zwei Typen unterscheiden: ornamental gestaltete Tücher sind in der Regel zentriert, figürliche gerichtet. Beide Typen werden zudem auch frei miteinander kombiniert, wie das hier vorgestellte Beispiel zeigt: durch das von zwei Märtyrerhänden flankierte Moscheegebäude erhält das ansonsten zentriert komponierte Tuch eine Richtung. Diese ist für das muslimische Gebet wichtig, das im Allgemeinen gegen Mekka, bei den Schiiten auch gegen Kerbela ausgeführt wird.

Die Tradition der gestickten Gebetstücher der Hazarā ist vermutlich etwas mehr als hundert Jahre alt. Ihrer ethnischen Zugehörigkeit und ihres schiitischen Glaubens wegen waren und sind die Hazarā immer wieder religiöser Repression und politischer Diskriminierung ausgesetzt. Diese widrigen Umstände mögen mit ein Grund dafür gewesen sein, die Tücher ausser Landes und in die Hände einer vertrauenswürdigen Person zu geben. Die heute im VMZ bewahrte Sammlung Frauenfelder ist somit nicht nur eindrückliches Zeugnis des kulturellen Schaffens und der Glaubenspraxis der Hazarā, sondern ebenso Zeichen ihres Dankes an Verena Frauenfelder für ihr unermüdliches Engagement, und nachdenkliches Sinnbild menschlichen Leidens in einer Krisenregion unserer Welt.

Gespräch mit Verena Frauenfelder, TELE TOP, 23. Februar 2016