Werkstattreihe
Die Werkstattreihe «5 Fragen an die Sammlungen» (Mai 2022 bis September 2024) erprobte ein neues Format kollaborativer Forschung und Ausstellungspraxis. Im Mittelpunkt stand die gemeinsame Auseinandersetzung mit ethnografischen Sammlungen, ihren Entstehungskontexten und ihren heutigen Bedeutungen für Urhebergesellschaften und Diasporagemeinschaften. Anhand von fünf Leitfragen wurden Museumsobjekte aus verschiedenen Blickwinkeln neu betrachtet:
Kontext
Aus welchen Wissenswelten gelangten die Sammlungen in die Schweiz?
Provenienz
Was haftet den Objekten aufgrund ihrer Geschichte(n) an?
Könnerschaft
Worüber sollten wir uns verständigen?
Zeitgenossenschaft
Wer sprach und wer spricht gleichzeitig miteinander?
Rückbindung
Welche Bedeutung haben die Sammlungen für Menschen ihrer Urhebergemeinschaften?
In den fünf Teilprojekten standen der gemeinsame Forschungsprozess sowie Austausch und Dialog mit Vertreter:innen der Urhebergesellschaften und der Diaspora im Vordergrund.
- Hochzeitsreise? 5 Fragen an die ‚Sammlung Hans Paasche‘ aus Ostafrika (Ausstellung Mai 2022 – April 2024) thematisierte die Sammlung eines deutschen Kolonialsoldaten und untersuchte deren heutige Bedeutung für Rwanda in Zusammenarbeit mit der Rwanda Cultural Heritage Academy.
- Geschäftsidee? 5 Fragen an ‚das Objekt-Set‘ von Noanamá aus Kolumbien (Ausstellung Oktober 2022 – April 2024) beleuchtete die Sammelpraxis des polnischen Ethnologen Borys Malkin und band die indigene Gemeinschaft der Wounaan sowie Afrokolumbianer:innen als Urheber:innen der Sammlung aktiv in den Forschungsprozess ein. Gefördert von Citizen Science der Universität Zürich und der Eidgenössisch Technischen Hochschule Zürich.
- Plünderware? 5 Fragen an Objekte aus China am Ende der Kaiserzeit (Ausstellung März 2023 – Mai 2024) beschäftigte sich mit chinesischen Objekten in Schweizer Museumsammlungen, die möglicherweise aus Plünderungen während des Boxerkriegs (1900/1901) stammen, und wurde vom Bundesamt für Kultur gefördert. Es war dies die erste Ausstellung zu Plünderware aus dem Boxerkrieg im deutschsprachigen Raum.
- Maskenspiel? 5 Fragen an Ritualkostüme aus Sri Lanka (Ausstellung Juli 2023 – September 2024) hinterfragte, wie rituelle Masken und Kostüme aus Sri Lanka musealisiert wurden und welche Rolle sie heute für lokale Akteur:innen spielen – auch vor dem Hintergrund der Maskentänze in den sogenannten «Völkerschauen».
- Werkstücke? 5 Fragen an Stickereien von Negev-Beduininnen im Blick ihrer Nachkommen (Ausstellung November 2023 – September 2024) reflektierte die komplexen politischen, kulturellen und sozialen Kontexte der Stickereien, die Bestandteil der Sammlung beduinischer Alltagsgegenstände und Handwerksobjekte sind. Dabei steht die Frage der Perspektive und wie insbesondere Menschen mit einem persönlichen Bezug auf diese Objekten blicken.
Die Wirkung der Ausstellungen reicht über ihre eigentliche Laufzeit hinaus.
- Mit der Rückbindung der Sammlung aus dem Chocó Kolumbiens erneuerten wir die Beziehungen zwischen den Urheber:innen der Objekte und dem Museum. Zum einen wurde jedes einzelne Stück im Ausstellungsraum korrekt rekontextualisiert; zum anderen aktivierte die Arbeit von zwei Frauen aus dem Chocó, Cruz Quilina Piraza und Gloria Murillo Moreno, an der Sammlung in Zürich das kulturelle Gedächtnis vor Ort und überführte die Erinnerung dort wieder in die Praxis – konkret die Herstellung von Objekten anhand der historischen Vorbilder aus der Sammlung. Das frisch zusammengetragene praktische und soziale Wissen wurde ferner erstmals in einem Lehrmittel für Schüler:innen im Chocó zusammengefasst.
- Ein Ergebnis der Ausstellung «Plünderware?» war die Publikation des ersten Berichts über mögliche Plünderware aus dem Boxerkrieg in Schweizer Sammlungen, in Deutsch, Englisch und Chinesisch verfasst von den Kuratorinnen Dr. Yu Filipiak und Prof. Dr. Mareile Flitsch. Auf der Grundlage dieses Berichts prüfen die ethnologischen Museen in der Schweiz derzeit ihre Sammlungen und erwägen weitere Nachforschungen. Zudem nahmen Journalist:innen und Wissenschaftler:innen den Bericht als Anregung zu weiteren Forschungen, nicht zuletzt auch im Zug der Initiative «AG Technisches Kulturgut – Arbeitskreis Provenienzforschung» in Jena.
- Auf Wunsch der Rwanda Cultural Heritage Academy wurde die in Zürich aufbewahrte ‘Sammlung Hans Paasche’ erstmals für die rwandische Öffentlichkeit digital zugänglich gemacht. Im Ethnographic Museum in Huye wurde dafür eine interaktive, digitale Version der Zürcher Werkstattausstellung «Hochzeitsreise?» installiert. Besucher:innen können dort virtuell den Zürcher Ausstellungsraum betreten, mehr über die Geschichte der rwandischen Kulturgüter und deren Weg in die Schweiz erfahren sowie über die enge Zusammenarbeit zwischen dem Zürcher Museum und rwandischen Fachleuten. Ergänzend sind sämtliche Objekte der Sammlung in einer digitalen Datenbank vor Ort einsehbar.
- Angebunden an die Ausstellung «Maskenspiel?» entstanden gemeinsame Projekte mit Vertreter:innen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen: ein interdisziplinärer Austausch mit dem Moulagenmuseum der UZH über das Thema Krankheit und Heilung in westlicher Medizin und östlicher Heilkunde; eine Maskentanz-Performance an Stätten ehemaliger «Völkerschauen» in Zürich mit der sri-lankischen Künstlerin Deneth Piumakshi Veda Arachchige und dem sri-lankischen Tänzer Lahiru Prabashwara Karunarathna; sowie eine Masterarbeit zum Thema «Völkerschauen» und deren Nachwirkungen, unter Mitwirkung von Vertreter:innen der sri-lankischen Diaspora in der Schweiz.
- Die Ausstellung bildete den Ausgangspunkt eines Forschungsprojekts, das Saada Elabed (LINK) im Rahmen ihrer Dissertation weiterverfolgt. Darin untersucht sie, welche unterschiedlichen Bedeutungen beduinische Stickereien hinsichtlich Perspektiven, Kontexte und persönlichem Bezug annehmen können. Eine zentrale Kooperation entstand mit der beduinischen Künstlerin Zenab Gerabia, die ihre Arbeiten als zeitgenössische Reinterpretationen beduinischer Sticktraditionen in der Ausstellung präsentierte. Durch den Austausch mit Mitgliedern unterschiedlicher Generationen der beduinischen Diaspora eröffnete sich ebenfalls ein erweitertes Verständnis. Als Nachfahrin beduinischer Stickerinnen verbindet Saada Elabed persönliche Erfahrungen mit wissenschaftlicher Reflexion durch die Ausstellungspraxis und die Autoethnographie.