«Going Online with Care»
Sensible ethnografische Daten und digitaler Zugang
Die Sammlung des Völkerkundemuseums der Universität Zürich umfasst mehr als 60’000 Objekte (siehe «Box by Box» für einen visuellen Überblick). Unser Ziel ist es, diese Sammlung bis 2028 online zu publizieren. Die Online-Veröffentlichung ethnografischer Sammlungen hat derzeit hohe Priorität; damit wollen wir die Transparenz erhöhen, den digitalen Zugang erweitern und zukünftige Kooperationen ermöglichen.
Die Veröffentlichung einer Sammlung im Internet erfordert jedoch auch Vorsicht und wirft ethische Dilemmata auf. Zahlreiche Objekte in unserer Sammlung haben sakrale Dimensionen, ihre Verwendung ist bestimmten Gemeinschaften vorbehalten, oder ihre Museumsbeschreibungen enthalten unpassende Formulierungen (siehe das Projekt «Naming Together» zum Thema Objektbezeichnungen). Ein uneingeschränkter digitaler Zugang zu unserer ethnografischen Sammlung birgt daher das Risiko von Fehlinterpretationen, unangemessener Nutzung oder kulturellem Schaden.
Vor diesem Hintergrund lauten die Leitfragen dieses Forschungsprojekts: Wie können wir Sammlungen so umfassend wie möglich veröffentlichen und gleichzeitig den Zugang dort einschränken oder kontextualisieren, wo die Online-Publikation Schaden anrichten könnte?
Dieses Projekt zielt darauf ab, geeignete Vorgehensweisen zu etablieren, um Daten zu identifizieren, die aufgrund ihrer kulturellen Sensibilität einen sorgfältigen Umgang erfordern, und verantwortungsbewusst zu beurteilen, wie sie online veröffentlicht werden können. In Absprache mit Partner:innen und externen Forschenden identifizieren wir Kategorien kulturell sensibler Daten und analysieren die damit verbundenen Bedenken und Risiken für jeden Einzelfall.
Um potenziell kulturell sensible Daten in unserer Sammlung zu identifizieren, arbeiten wir mit der Linguistic Research Infrastructure LiRi an der Universität Zürich zusammen, die ein Large Language Model (grosses Sprachmodell) entwickelt hat, das speziell darauf trainiert wurde, relevante sensible Fälle in unserer Datenbank zu finden, sie in unsere Kategorien einzuordnen und sie so zu kennzeichnen, dass sie adäquat behandelt werden.
Wir wollen einen transparenten, wiederholbaren Arbeitsablauf für die ethische Bewertung sensibler Daten etablieren und vermeiden, dass auf alle sensiblen Kategorien bedingungslos Zugangsbeschränkungen angewendet werden. Dafür entwickeln wir eine gewichtete, multikriterielle Entscheidungsmatrix. Dank dieses gezielten Ansatzes sind wir in der Lage, für jede sensible Kategorie «best working practices» vorzuschlagen und den am passendsten digitalen Zugangsgrad aus einem Spektrum von vier Optionen zuzuweisen:
Stark eingeschränkt – Teilweise eingeschränkt – Grösstenteils zugänglich – Vollständig zugänglich
Finanziert von Open Science swissuniversities zielt dieses Projekt darauf ab, Wege zu finden, um die Vorteile von digitalem Zugang mit Respekt gegenüber den Kulturen und Gemeinschaften, aus denen diese Sammlungen stammen, ethisch in Einklang zu bringen.
Das Projekt soll den Urhebergesellschaften und Partner:innen zugutekommen, indem es das ethische und kulturell angemessene digitale Teilen von Daten unterstützt, die mit ihrem Kulturerbe zusammenhängen. Es wird Museumsmitarbeiter:innen dabei unterstützen, informierte Entscheidungen darüber zu treffen, welche Daten in welcher Form online zugänglich gemacht werden, und gleichzeitig der Öffentlichkeit einen besseren Zugang zu unseren Sammlungen ermöglichen sowie das Bewusstsein für Datennutzung, Rechte und Pflichten schärfen. Durch die Weitergabe unserer Ansätze und Instrumente wird das Projekt auch andere Museen unterstützen, die mit sensiblen Daten arbeiten, und zu ethischeren, transformativen digitalen Praktiken im gesamten Museumssektor beitragen.
Laufzeit:
Januar 2026 bis Januar 2027
Unterstützung:
Forschungsförderung durch Dritte im Rahmen von swissuniversities PgB OpenScience II, Open Research Data (ORD)
Projektteam am Museum:
Sofia Bollo (Projektleitung)
Marina Berazategui
Joris Burla
Alice Hertzog
Jonas Lendenmann
Daniela Zurbrügg
Forschungspartner:
LiRI – Linguistic Research Infrastructure
Local Contexts – Grounding Indigenous Digital Rights
Projektberater:innen:
Femi Johnson
Diana Quadri
studiyo filipino